Ich wurde Zeuge einer Explosion. Im wörtlichen Sinne. Vor meinen Augen entfaltete sich eine Supernova von ungeahntem Ausmaß.
Einerseits voller Euphorie, andererseits einer Panikattacke nahe, die sich gewaschen hatte.
Was hatte ich nur getan?!
Entehrt! Auch wenn nur ich Zeuge und Teilhaber dessen war.
Meine Hände! Beschmutzt!
Vom Paulus zum Saulus in einem unbedachten Augenblick.
*Jetzt stell dich doch nicht so an! Dir hat es doch auch gefallen! DU bist hier keinesfalls das Unschuldslamm!*
Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen und in diese unsägliche, verfluchte Existenz verbannt? Ich werde, ob meiner schändlichen Tat nie wieder in den Spiegel, in meine Augen, blicken können!
Man sagt, die Augen, diese Hüllen gefüllt mit gallertartiger Masse, in einer Höhle aus Knochen, seien die Spiegel zur Seele, doch wenn man mir in die Augen blickt, müsste man nichts als unendliche Schwärze sehen, denn meine Seele ist schon längst verloren!
Das Einzige, das mir in dieser seelenlosen Existenz blieb war meine Tugend. Nun ist diese auch verloren…Betrogen vom eigenen Körper…
*Sei nicht so melodramatisch du Drama Queen! Langsam wird es pathetisch und ich hab gehört, dass davon auch die Gehirnzellen absterben und so wie sich das bei anhört ist dein Oberstübchen schon ziemlich leer…Denke lieber an deine süße Brünette!*
Ach…Bella. Ihre Lichtgestalt führt mich auch aus dem finstersten Tälern meiner selbst! Wie soll ich nur ohne sie leben? Doch wenn ich mich ihrer nähere birgt dies doch eine beträchtliche Gefahr für ihr Leben. Dies will und kann ich nicht eingehen, doch ich habe mir versprochen, dass nun eine neue Ära angebrochen sei…
Die ganze Nacht hindurch erging ich mich in Selbstzweifeln und malte, bezüglich Isabellas Wohlbefinden, den Teufel an die Wand. Ja, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass das kleine Teufelchen auf meiner Schulter saß.
*Falsch! Ich sitze in deinem Ohr. Hihihihi*
Doch bewahr mich der allmächtige Herrscher im Himmel davor, dass noch ein Engelchen dazu kommt, denn erstens genügt mir eine Nervensägen und zum Zweiten bin ich so moralisch gefestigt, dass es für eine Armee von Engelchen genügen würde.
*Hey so schlimm bin ich auch nicht! Ich will doch nur helfen… Du? Ein bisschen Bestand für mein großartiges Selbst wäre mehr als angebracht, da du dich anstellst wie ein Maulesel, der einen Berg besteigen soll!*
Es dämmerte und nun begann ich, eine seit Jahrzehnten erprobte und äußerst effiziente, Morgenroutine zu durchlaufen.
*Seit genau 97 Jahren die Gleiche! Duschen (obwohl wir nicht transpirieren), Rasieren (obwohl unser Bart nicht wächst, nicht das da je ein wirklich Wuchs gewesen war…), Zähneputzen (obwohl wir niemals Mundgeruch haben, denn das Gift desinfiziert auch gleich alles und Essensreste sind bei uns auch garantiert nicht zu finden). Alles unnütz, wenn ihr mich fragt! Er sollte sich lieber mehr um seine körperlichen Bedürfnisse kümmern…*
Während ich das kalte Wasser unter der Dusche genoss, denn ich verwehrte mir das Heiße, das Angenehmere, aufgrund meiner Schandtat im Schutze der Nacht,
*Die besagte Dusche dauerte jedoch so lange, dass kein Zweifel daran aufkommen konnte, dass er versuchte, in einer schieren Verzweiflungstat, sich zu ertränken, was natürlich fehlschlug…*
flatterte Alice durch meinen Kleiderschrank, um mir das perfekte Outfit für den heutigen Tag zusammenzustellen.
Nach Alice´ Maßstäben präsentabel hergerichtet, konnten wir uns nun endlich auf den Weg zur Schule machen. Gott sei Dank war heute Freitag! Bald hatte ich eine Pause von diesem Höllenloch, in welcher ich mich einfach nur mir selbst widmen konnte.
*Au ja! Spielen…Vor allem in der Dunkelheit, ja?!*
Der Weg zur Schule war gewohnt ereignislos. Mein Quälgeist bombardierte mich mit den verschiedensten Szenarien, die alle darin endeten, dass ich meine holde Schöne, meine Aphrodite und Venus, auf unmoralische und schändliche Art und Weise deflorierte, welche sie vor Lust und Wonne aufstöhnen ließen, was nichts mit dem unschuldigen und zarten Akt der Liebe in der Hochzeitsnacht zu tun hatte. Allein bei der Vorstellung solche Dinge zu tun wurde ich noch blasser, als ich schon war bis meine Hautfarbe eher einem Blatt Papier glich.
*Was denn, Großer? Sind meine Vorstellungen etwa nicht schicklich genug für deinen Geschmack? Soll ich in meine Phantasien vielleicht noch schwarze Balken einfügen?!*
Alice dokterte an meiner heißgeliebten Musikanlage herum und versetzte mich, ob ihrer grauenhaften Musikwahl dermaßen in Schrecken, sodass mir der kalte Schweiß ausgebrochen wäre, wenn ich schwitzen könnte.
*Sag ich doch! Duschen war unnötig! Die Frauen lieben es männlich!*
Endlich am Orte der Höllenqualen angekommen, versicherte ich mich, dass meinem Schmuckstück von Auto auch ja kein Leid geschehe, während ich die neusten Foltermethoden zu ertragen hatte. Ich begab mich, mit stolzem, schreitenden Gang zu meiner ersten Unterrichtsstunde.
*Rarrr…hier komme ich! Das gefährlichste Raubtier der Welt!*
>Na ja das wahre Raubtier bin ich. DU bist hier eher das kratzbürstige, wütend fauchende Kätzchen< konterte ich meinem Alter Ego.
Heute war ein guter Tag, denn mir schien, als wäre die Gattung der Kleinstadtpomeranzen heute nicht existent.
*Muhahaha erinnerst du dich an die Plagen, Großer? Wisse Unwürdiger, ich bin Humphrey ALLMÄCHTIG!*
>Schwätzer…Die lauern bestimmt irgendwo auf und springen, dann wie aus dem Nichts um die Ecke um sich an meiner verlockend schönen Gestalt festzuklammern…<
*Hör` auf! Das ist ja gruselig!!!*
Ich gleitete graziös auf meinen Stuhl, strategisch günstig, hinter meiner Angebeteten, platziert und hoffte, dass ich heute ein wenig mehr über ihre Gedankenwelt in Erfahrung bringen würde. Einen Penny für ihre Gedanken.
*Einen Penny?! Du bist aber knauserig!*
>Das ist eine Redensart, du Nuss!<
Meine Göttin betrat, pünktlich zu Klingeln, den Klassenraum. Sie war einfach bezaubernd, so anmutig und doch mit einem Hang zum Ungeschickten. Diese krassen Gegensätze, welche eigentlich bei jeder anderen Person nachteilig wären, taten ihrem Liebreiz keinen Abbruch. Nein! Wurde der Liebreiz ihrer geschmeidigen Gestalt durch ihre Gegensätzlichkeiten nur noch vermehrt, sodass ich kaum mehr meine Augen von ihrer entzückenden Rückseite abkehren konnte und schon allein durch ihre körperliche Präsenz ihr willenlos ergeben war.
*Hör` auf bevor ich auf deinem Gesabber noch ausrutsche! Das ist ja nicht mehr zum Aushalten! ich habe dir doch schon einmal gesagt, dass ich dieses ich-bin-ein-verliebter-romantischer-Schwachmat-Geschwafel nicht mehr hören will! Es wird langsam wirklich höchste Zeit, dass du deinen, über Jahrzehnte angestauten, Gefühlen und Hormonen endlich Freiraum lässt und nimmst, was du kriegen kannst, was bei drei nicht auf den Bäumen ist! Echt jetzt!*
>Oh Gott! Wie werde ich dich bloß wieder los, damit ich mich wieder in meinen sowohl euphorischen als auch depressiven Gedanken ergehen kann ,ohne dass du Quälgeist immer deinen Senf dazu gibst?!<
*Niemals ich bin ein Teil von dir…für die Ewigkeit!*
Gott! Schicke einen Zornesblitz auf meine seelenlose Person herab, auf das ich in die feurigen Tiefen der Hölle hinab befördert werde!
*…schmoll…So schlimm bin ich nun auch wieder nicht…*
Nun, ich würde mir ja selbst den endgültigen Todesstoß versetzen, aber auch diese Todesart weist erhebliche Mängel bei Vampiren auf. Fragt jetzt bitte nicht wieso ich das weiß!
Nun ja, ich schweife schon wieder ab…
Während ich meinen Gedanken nachhing, verging die erste Stunde.
*Du Tölpel! Jetzt hast du deine Stalker-Tendenzen vernachlässigt..*
Jetzt hatte ich meine Zeit vergeudet. Diese Stunde, in welcher ich in die berauschende Präsenz meiner Angebeteten genießen durfte, ja sogar sollte, auf ewig verschwendet!
*Na so schlimm ist das nun auch wieder nicht! Du hast ja noch sieben Stunden in ihrer Gegenwart…*
Der Tag schlich an mir vorüber. Ich begab mich von Klassenraum zu Klassenraum, nur um mich in Isabellas Gegenwart zu sonnen und jene Zeit im Rausche purer Verzückung zu verbringen.
Dann kam endlich jene, gleichwohl herbeigesehnte und gefürchtete, Unterrichtsstunde, in welcher ich neben der auf Erden wandelnden Venus Platz neben durfte. Mich durchfuhr ein wohliger Schauer, welcher, ausgelöst durch ihren exquisiten Duft, auch das Monstrum an seinen Käfiggittern rütteln ließ. Nun war ich nicht nur vollauf damit beschäftigt meine Hormone und Humphrey, sondern auch mein hungriges Biest, zur Räson zu bringen!
Sollte ich sie wohl ansprechen? Konnte ich sie überhaupt ansprechen, ohne den größten Vollidioten aller Zeiten aus mir zu machen?
*Ganz einfach, Großer! Ja, du solltet die scharfe Brünette…*
Diskreditiere sie nicht!< knurrte ich ungehalten.
*…ansprechen und ja, natürlich wirst du dich wie ein trottel aufführen! Das liegt doch klar auf der Hand!Tzzz*
Nun gut! Ich werde es tun! Nächste Woche…
*Feigling! Wie war das mit dem Raubtier und dem Kätzchen vorhin?*
Und so ließ ich die Gelegenheit die samtene Stimme, der Frau meiner schlaflosen Nächte, zu hören, aufgrund ahnungsloser Verzweiflung, verstreichen. Denn über was sollte ich mit ihr reden, ich kenne sie doch kaum!
*Deshalb sollst du doch mit ihr reden, du Dumpfbacke! damit sie dich kennenlernt und ihr beide zum Wesentlichen kommen könnt!*
Der Ausdruck "Am Boden zerstört" war nichts im Vergleich zu jener Gemütsverfassung meines unwürdigen Selbsts…
*Junge, locker dich mal! Alles wird gut! Hakuna matata und so!*
Ich ignorierte meinen Quälgeist. Hakuna matata…klaaar!Das kann doch nicht sein, das dieser Nichtsnutz von Alter Ego mir in einer meiner schlimmsten Lebenskrisen Disney zitiert!
*Wen nennst du hier Nichtsnutz! Wenn ich nicht wäre würdest du nicht mal wissen, wie dieses Zauberwesen überhaupt hießt! Ich dachte es wäre passend! Na ja König der Löwen und so, du weißt schon…*
Ein Hoch auf die Dummheit und auf dass diese mich hoffentlich nie ereilen wird!
Niedergeschlagen trottete ich zu meinem geliebten Wagen, um meine Geschwister nach Hause kutschieren zu können, sodass ich mich endlich, allein, in meinem Selbstmitleid suhlen konnte.
*Na ja ganz allein wirst du nicht sein…und darin ertränken klappt auch nicht, also versuch es erst gar nicht.*

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